E7 Biologisches Gleichgewicht
Thema
Das biologische Gleichgewicht des Mundsystems beschreibt ein dynamisches Gleichgewicht auf zwei Ebenen: zwischen Biofilm-Mikroorganismen und der Immunantwort des Wirts sowie zwischen destruktiven Prozessen wie Demineralisierung und Parodontitis und reparativen Prozessen wie Remineralisierung und Knochenumbau.
Die gesunde orale Mikrobiota, bestehend aus etwa 700 verschiedenen Arten, befindet sich in einem Zustand der Eubiose, in dem kommensale Arten die pathogenen Arten zahlenmäßig überwiegen. Verändern sich die Bedingungen im Mundmilieu – beispielsweise durch eine kariogene, zuckerreiche Ernährung oder mangelnde Mundhygiene –, kann die orale Mikrobiota in einen Zustand der Dysbiose geraten, also in ein mikrobiologisches Ungleichgewicht, in dem pathogene Arten nicht mehr von kommensalen Arten in Schach gehalten werden.
Die parodontale Entzündungsreaktion auf diese Mikrobiota ist von einer Bakterienlastschwelle abhängig: Solange die Bakterienlast unterhalb dieser Schwelle bleibt, kann das Immunsystem des Wirts die Infektion kontrollieren, ohne Schäden zu verursachen. Sobald die Bakterienlast diesen Schwellenwert überschreitet, kommt es jedoch zur Zerstörung des Zahnhalteapparates.
Der Umbau des Alveolarknochens, einer der Reparaturprozesse dieses biologischen Gleichgewichts, wird durch das Gleichgewicht zwischen dem Signal, das Osteoklasten aktiviert, und dem Osteoprotegerin, das sie hemmt, reguliert – dasselbe Gleichgewicht, das die destruktive parodontale Aktivität bei Parodontitis bestimmt: Überwiegt das aktivierende Signal gegenüber Osteoprotegerin, wird Alveolarknochen abgebaut; überwiegt Osteoprotegerin gegenüber dem aktivierenden Signal, wird Alveolarknochen aufgebaut.
Diese parodontale Entzündungsreaktion produziert zudem Mediatoren wie Interleukin-1β, Tumornekrosefaktor-α und Prostaglandin E2 – dieselben Entzündungsmediatoren, die in der Sulkusflüssigkeit quantifiziert werden. Diese Mediatoren stimulieren direkt die Osteoklasten und verschieben so das Gleichgewicht des Alveolarknochenumbaus in Richtung Resorption.
Der lokal durch den Biofilm erzeugte saure pH-Wert, derselbe Mechanismus, der bei Karies den Zahnschmelz auflöst, aktiviert auch direkt den Abbau des Alveolarknochens und verstärkt so die bereits durch die Aktivierung von Osteoklasten und Entzündungsmediatoren verursachte Resorption. Das eingangs beschriebene biologische Gleichgewicht des oralen Systems verschiebt sich daher in Richtung Zerstörung, wenn Dysbiose, eine erhöhte Bakterienlast, die Dominanz der Osteoklastenaktivierung und der saure pH-Wert des Biofilms zusammentreffen, und in Richtung Reparatur, wenn Eubiose, die Immunabwehr gegen Infektionen und der Knochenaufbau überwiegen.
ID:974
